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Interview mit Foen Tjoeng Lie über Taijiquan & Qi Gong in Deutschland und das tägliche Üben

Es war 2008, als ich gerade meinen Job als Unternehmensberaterin gekündigt hatte und nun endlich Taijiquan unterrichten wollte. Weil ich noch ein paar Wochen bis zum Beginn meines ersten Kurses hatte wollte ich verreisen und mich fortbilden – und bin auf die Sommerakademie der Kolibri Seminare gestoßen. So habe ich Foen Tjoeng Lie im Sommer 2008 in Weimar kennengelernt. Eine Woche lang habe ich von ihm die Peking-Form und E’Mei Qi Gong gelernt. Außerdem waren auch ein paar chinesische Meister dabei und viele nette TeilnehmerInnen. Ich denke sehr gerne an diese Zeit zurück.

Vor ein paar Wochen, im Mai 2016, habe ich Tjoeng wiedergetroffen. 4 Tage lang Taiji-Fächer. Es war herrlich!

Foen Tjoeng Lie von Kolibri Seminare mit Angelika Fritz von Qialance beim Taiji Fächer WorkshopIn diesen 4 Tagen kam uns die Idee, dass ich Tjoeng doch für meinen Blog interviewen könnte. Er ist schon so lange Teil der Taijiquan- und Qi Gong-Gemeinschaft in Deutschland!

Nur mal so nebenbei: Nachdem ich ihn ja 8 Jahre nicht gesehen hatte war ich mir selber gar nicht mehr sicher, wie man Foen Tjoeng Lie nun eigentlich ausspricht und wie er genannt wird. Deshalb sag ich das nochmal für alle, die ihn nicht persönlich kennen: sein Rufname ist Tjoeng. Das spricht man ungefähr „Tzung“ aus!

Hier also jetzt mein Interview mit Foen Tjoeng Lie von Kolibri Seminare:

Kannst Du bitte ein bißchen was zu Deiner Person sagen:

Ich habe mit Qigong und Taijiquan als Jugendlicher (13. Lebensjahr) begonnen (damals habe ich noch in Indonesien gewohnt). Mein Vater hat die kurze Peking-Form mit 24 Folgen bei einem Nachbar gelernt und ich habe einfach aus Neugier mitgemacht.

Vom Qigong habe ich zu allererst Zhanzhuang (stehende Säule) kennengelernt. Als Halbstarker wollte ich die Kampfkunst von Süd-Shaolin erlernen, um mich besser gegen die anderen Jugendlichen zu behaupten. In der Gruppe, in der ich mit vielen Gleichaltrigen die Faustform bei einem Meister der Süd-Shaolin-Schule gelernt habe, mussten wir zu Beginn des Unterrichts 20 bis 30 Minuten Zhanzhuang üben.

Daneben hat mir der Nachbar, der meinem Vater und mir Taijiquan beibrachte, weitere Qigong-Übungen vermittelt. Drei Jahre später kam ich in das letzte Schuljahr und wegen der Vorbereitung des Abschlusses habe ich dann aufgehört Qigong und Taijiquan zu praktizieren.

Später bin ich nach Europa gekommen und 1977 haben mich einige Kommilitonen gebeten, ihnen das klassische Qigong Ba Duan Jing (die acht Brokat-Übungen) zu vermitteln. Da habe ich meine Übungspraxis für Qigong und Taijiquan wieder aufgenommen und seit 1984 habe ich regelmäßig Fort- und Weiterbildungen (auch in TCM) in China gemacht. Seit 1986 biete ich verstärkt Kurse und Ausbildungen an.Foen Tjoeng Lie Taijiquan

1991 habe ich die Kolibri Seminare ins Leben gerufen, um meine Kurse professionell zu organisieren und auch chinesische MeisterInnen nach Deutschland einzuladen. Kolibri Seminare hat die Sommer-Akademie für Qigong und Taijiquan in Deutschland eingeführt und ist Gründungsmitglied des Deutschen Dachverbands für Qigong und Taijiquan: DDQT.

Zur gleichen Zeit habe ich den Kolibri Verlag gegründet, um Bücher und DVD zu produzieren. Ich habe auch das Magazin DAO (für östliche Lebenskünste) herausgegeben, das 2000 eingestellt wurde. Der Kolibri Verlag ist zwar recht klein, aber die Bücher und DVDs werden von den FachkollegInnen geschätzt.

Du lebst und unterrichtest ja schon lange in Deutschland, was hat sich denn in den letzten Jahren besonders verändert?

Im 90er Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts hat Qigong und Taijiquan an Popularität und Verbreitung rasch zugenommen. In diesem Zeitraum entstanden viele Schulen und einzelne FachkollegInnen, die Qigong und Taijquan im Verein, über die VHS oder auf eigene Rechnung unterrichten. Seit einigen Jahren hat dieser Boom merklich nachgelassen. Jedoch gibt es immer noch genug InteressentInnen, die Qigong und Taijiquan erlernen wollen, um die eigene Gesundheit zu optimieren und mitunter auch um Meditation zu praktizieren.

Eine Entwicklung, die ich als Unterrichtender beobachtet habe, ist die abnehmende Bereitschaft, Qigong und Taijiquan über Jahre hinweg regelmäßig und ernsthaft zu erlernen und zu üben. Einige denken, man braucht nur einmal in der Woche zu einem Kurs von vielleicht 90 Minuten zu kommen und mitzumachen. Sie erwarten, dass man dann die Wirkung auf die Gesundheit oder Entspannung schon merken müsste. Und einige besuchen einen Kurs nach dem anderen, ohne die gelernten Übungen zu Hause weiter zu praktizieren.

Selbstverständlich braucht man einige verschiedene Übungsformen, um die unterschiedlichen Anforderungen anzunehmen und sich selbst zu schulen. Aber die Formen zu erlernen ohne sie zu praktizieren, daraus wird sich kaum eine (persönliche) Entwicklung ergeben.

Leider gibt es nach meiner Beobachtung nur wenige Kurs-TeilnehmerInnen, die die Notwendigkeit des regelmäßigen Übens verstehen und einsehen. Sie nehmen selbst am besten wahr, wie wichtig und unabdingbar die Übungspraxis für die eigene Gesundheit und eigene Weiterentwicklung ist. Diese KollegInnen können Qigong und Taijiquan fachlich richtig praktizieren UND profitieren auch selbst am meisten davon.

Ja, das tägliche üben ist so wichtig, aber eben auch gar nicht immer so einfach umzusetzen. Ich glaube, das ist eine Entwicklung die sich nicht nur auf Deutschland begrenzt. Auch auf meinem englischen Blog taucht immer wieder die Frage nach dem regelmäßigen üben auf. Ich habe sogar extra einen Blogpost geschrieben mit Zitaten, warum das tägliche Üben so wichtig ist.

Ich glaube am ehesten kommt man zum täglichen Üben, wenn man sich klar macht, was man davon hat. Was ist der größte Nutzen von Taijiquan/Qi Gong für Dich persönlich?

Unter anderem: ich bin mit 68 körperlich und geistig noch relativ fit und innerlich (zwar noch nicht ganz gelassen aber) ein wenig ruhiger. Ich habe den Eindruck, dass ich besser mit den beruflichen und privaten Herausforderungen zurechtkomme.

Welchen Taijiquan-Stil und welche Qi Gong Sets machst Du besonders gerne und warum?

Ich persönlich übe gerne und mit Freude Taijiquan Foeng Tjoeng Lie Qi GongYang-Stil inkl. den Waffenformen, Taiji Qigong mit 18 Folgen (sog. 18 Harmonien), Changshou Gong (Übung fürs lange Leben), Hui Chun Gong (Rückkehr des Frühlings), Taiji Yangsheng Zhang (Taiji Fitness-Stab), Ba Duan Jin (8 Brokat-Übungen) und Wu Qin Xi (Spiel der fünf Tiere). Ich habe gemerkt, dass sie mir körperlich und psychisch im Sinne von Gesundheitsförderung, Meditation und meiner Persönlichkeitsschulung von Vorteil sind.

Aus Zeitgründen muss ich die verschiedenen Formen von Qigong und Taijiquan turnusmäßig praktizieren, da ich neben der eigenen Praxis natürlich unterrichte und im Büro für die Verwaltung arbeiten muss. Außerdem schreibe ich nebenbei noch Bücher.

In meinem Bücherschrank steht z.B. Dein Buch zur Pekingform! Und natürlich gibt es auch bei Amazon (hier) und im Kolibri-Verlag noch mehr Bücher von Dir.

Da Du ja auch ausbildest, welche Bücher kannst Du allen (angehenden) LehrerInnen empfehlen?

Es gibt viele gute Bücher, die man benutzen kann. Diese würde ich am ehesten empfehlen:

Jetzt nochmal zurück zum Üben. Was würdest Du jemandem raten, der/die schon länger Taijiquan macht?

Einerseits soll man die eigene Praxis nicht vernachlässigen. Andererseits soll man über den eigenen Tellerrand schauen und ggf. eine/n neuen LehrerIn suchen, bei der/m man hier und da ein wenig dazu lernen kann. Auch von KollegInnen und gar von SchülerInnen kann man dazu lernen.

Bei der eigenen Praxis soll man öfter nur einige Sequenzen üben statt immer die ganze Form. So kann man sich auf wenige Punkte konzentrieren und eigene Schwachstellen besser erkennen und ggf. korrigieren.

Wer waren bzw. sind denn Deine wichtigsten LehrerInnen?

Ich habe bei recht vielen LehrerInnen gelernt, aber hier sind vier, die mich am meisten geprägt haben:

  • Yifang Li, der Nachbar, der zugleich mein Schullehrer war und meinen Vater und mich in Taijiquan und Qigong unterrichtet hat.
  • Fo Yan, der Abt des Zen-Klosters Yunmen (Umon), bei dem ich die Zen-Meditation erlernen durfte.
  • Guiyan Jian, die mir Peking-Form und Yang-Stil sowie Taiji-Fächer beigebracht hat.
  • Zhenhe Yang, der mir die ursprünglichen Anwendungen des Yang-Stil-Taijiquan beigebracht hat, viele meiner Fehler korrigiert hat und mir einige Raffinessen gezeigt hat.

Du hast schon so viel gelernt und auch selber ausgebildet, bei wem würdest Du denn gerne mal ein Seminar besuchen?

Ich gehe immer noch sehr gerne zu Meister Zhenhe Yang. Ich habe selber noch einige Fehler und Schwachstellen, die er gut erkennt und mir beibringt, wie ich sie meistern oder zumindest damit besser zurecht kommen kann.

Vielen Dank, Tjoeng, für das Interview!

Und was ich unbedingt noch erwähnen möchte: Foen Tjoeng Lie bzw. Kolibri Seminare bietet auch Taijiquan & Qi Gong Studienreisen nach China an. Oh, wie gerne ich da mal mitfahren möchte! Wenn meine Kinder größer sind…

 

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Die 5 Elemente und ihre Bedeutung für Deine Qi Gong-Praxis

Vor einiger Zeit habe ich schon mal erklärt, was eigentlich die 5 Elemente sind. Nämlich Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.

Qialance_5 ElementeAber warum solltest Du Dich überhaupt damit beschäftigen, wenn Du Qi Gong übst? Wäre die Zeit nicht besser genutzt, wenn Du einfach eine Übung machst statt hier über die 5 Elemente was zu lesen?

Ich finde, beim Qi Gong geht es doch auch darum, sich selbst kennenzulernen. Zu merken, was mir gerade besonders gut tut oder wo es noch “hakt”. Und deshalb beschäftige ich mich damit, wie es in mir und meinem Körper aussieht (= mein Mikrokosmos), aber auch, wie die Welt um mich herum ist (= mein Makrokosmos).

Die alten Chinesen hatten eine etwas andere Sicht auf den Mikro- und Makrokosmos als wir. Während wir heute gerne von Atomen, Molekülen etc. sprechen, nehmen sie Yin & Yang und die 5 Elemente. So erklärten sie sich eben die (menschliche) Natur – und in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gilt das bis heute.

Alles kann Yin & Yang zugeordnet werden (Tag & Nacht, Hitze & Kälte). Wenn ich nun mein Leben besonders gut an die Natur anpassen möchte, dann sollte ich auch mein Leben an Yin & Yang anpassen. Tags bin ich wach, nachts schlafe ich. Im Sommer bin ich aktiv, im Winter ruhe ich.

Das sind allerdings sehr allgemeine Angaben. Doch es geht auch konkreter, nämlich wenn ich mir die 5 Elemente ansehe. Dann unterscheide ich im Laufe eines Jahres nicht nur zwischen Sommer (Yang) und Winter (Yin), sondern zwischen Frühling (Holz – kleines Yang), Sommer (Feuer – großes Yang), Spätsommer (Erde – Mitte), Herbst (Metall – kleines Yin) und Winter (Wasser – großes Yin).

So kann ich mir noch genauer überlegen, wie ich mich das ganze Jahr über an die Natur anpasse. Wenn Du Dich also ein wenig mit den 5 Elementen auskennst, kannst Du dieses Wissen für Deine Qi Gong-Praxis nutzen.

Im Frühling könntest Du besonders gut Übungen zum “aufwärmen” und (aus)dehnen machen. So wie auch die Natur aufwacht und sich reckt und streckt. Im Sommer kannst Du besonders aktiv sein mit Übungen, die Dich sehr bewegen. Im Spätsommer geht es darum, dass Du Dich gut nährst. Übungen für Milz und Magen sind dann besonders hilfreich. Im Herbst kann Du nochmal richtig alles einsammeln, um dann im Winter zur Ruhe zu kommen.

Das Wissen um die 5 Elemente hilft Dir also, Deine Übungspraxis besonders gut an Deine aktuelle Situation anzupassen. Du kannst in Dich hineinspüren, welche Übungen Dir gerade besonders gut tun könnten. Und Du kannst nach draußen sehen was um Dich herum geschieht und was dazu passen würde.

Ich selber finde es auch angenehm, meine Übungen von Zeit zu Zeit zu ändern. Zum Einen, weil sich Mikro- und Makrokosmos eben permanent ändern. Außerdem ist es dann abwechslungsreicher! Und die 5 Elemente sind eben ein guter Anhaltspunkt, welche Qi Gong-Übungen gerade gut sein könnten.

Lass Dein Qi fließen!
Angelika

P.S.: Wenn Du mehr über die 5 Elemente lesen möchtest empfehlen ich Dir diese Bücher: Fünf Elemente und Zwölf Meridiane oder Was ist Akupunktur (darüber habe ich auch schon eine Buchempfehlung geschrieben). Oder Du schaust Dir mal mein Arbeitsbuch TCM für TaijilerInnen an!

 

Ein Buch darüber wie das Leben aussieht, wenn Frauen die Kontrolle über Familie, Besitz und die Liebe haben

Vor kurzem war ich auf einem Seminar mit dem Thema “Qi Gong für die Frau”. Dort lagen auch ein paar interessante Bücher aus. Eins davon war Das Land der Töchter. Ich lese gerne Frauenbiografien und deshalb habe ich dieses Buch gleich gelesen.

Der Untertitel ist “Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört”. Die Moso leben in Südchina an der Grenze von Yunnan zu Sichuan. Myanmar und Tibet sind auch nicht weit. Das Buch wurde von zwei Frauen geschrieben:

Chistine Mathieu ist Anthropologin und hat sich intensiv mit der Moso-Kultur beschäftigt, bevor sie die andere Autorin, Yang Erche Namu, kennengelernt hat.

Yang Erche Namu (geboren 1966) ist eine erfolgreiche Sängerin und Autorin in China. Sie ist aber eben auch eine Moso und berichtet aus ihrer Kindheit. Das Buch endet mit ihrer Zeit an der Musikhochschule in Shanghai.

Was ist denn nun an der Volksgruppe der Moso so besonders? Nun ja, in einer Moso-Familie ist eine Frau das Haushaltsoberhaupt. Da es keine Ehe und somit auch kein “zusammenziehen & Familie gründen” gibt, leben alle im Haus der Mutter. Die erwachsenen Frauen haben jede ihr eigenes Schlafzimmer (das “Blumenzimmer”), wo sie nachts Männer empfangen können (ob und wen bestimmen sie selber).

Innerhalb der Familie sind die Frauen für Haus- und Feldarbeit zuständig, während die Männer viel unterwegs sind, z.B. als Karawanenführer oder Yak-Hirte.

Das Buch ist ganz sicher keine “typisch chinesische” Biografie, weil Yang Erche Namu aus einer kleinen Volksgruppe kommt. Aber gerade weil die Moso-Kultur so besonders, eben matrilinear ist, ist das Buch sehr interessant. Es hat mich beeindruckt und nachdenklich gemacht: wie gut es den Menschen wohl gehen kann, wenn Tratsch verpönt ist, die Frauen das Sagen haben und Haushalt und Liebschaft voneinander getrennt sind.

Also falls Du noch keine Buch für den nächsten Urlaub hast, ich empfehle Dir unbedingt, Das Land der Töchter zu lesen!

Lass Dein Qi fließen!

Angelika

P.S.: Wenn Du nicht abwarten kannst, bis Du das Buch in den Händen hältst, kannst Du hier schon mal weiterlesen:

Der Wikipedia-Eintrag über Yang Erche Namu ist sehr amüsant.

Yang Erche Namu hat einen (chinesischen) Blog. Ich kann zwar kein Chinesisch, aber es ist interessant, relativ aktuelle Fotos zu sehen!

Und bei Wikipedia findest du natürlich auch einen Eintrag zu den Moso.