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Den Vogel am Schwanz fassen (揽雀尾 Lan Que Wei)

Eine der wichtigsten Bewegungen im Yang-Stil ist “den Vogel am Schwanz fassen”. Eigentlich ist es sogar eine Bewegungsserie, denn sie besteht aus 4 Grundtechniken: Peng, Lü, Ji und An.

Der chinesische Name lautet Lǎn Qùe Wěi (揽雀尾 oder 拦雀尾). Auf englisch heißt es “Grasp the Bird`s/Sparrow`s Tail” und auf Deutsch gibt es sogar mindestens drei Namen: “den Vogel am/beim Schwanz fassen”, “fasse den Vogel beim Schwanz” oder “den Spatzenschwanz fangen”.

In der langen Yang-Form kommt ziemlich am Anfang “den Vogel am Schwanz fassen” vor und wird dann im Laufe der Form auch noch einige Male wiederholt. Diese Bewegungen sind so essentiell, dass es sogar Kurzformen gibt, die quasi nur aus “den Vogel am Schwanz fassen” bestehen!

Aber warum heißt die Bewegung eigentlich so? Auf der Suche nach der Antwort bin ich auf ein sehr interessantes Buch gestoßen: How to Grasp the Bird’s Tail If You Don’t Speak Chinese.

Die Autorin Jane Schorre macht seit über 30 Jahren Taijiquan. Sie ist keine chinesische Muttersprachlerin, aber sie hat irgendwann angefangen, sich mit den chinesischen Namen in der Form zu beschäftigen.

Sie hat im Gespräch mit einer befreundeten Chinesin gemerkt, dass so viel hinter den chinesischen Zeichen steckt. Um im Taijiquan besser zu werden wollte sie deshalb mehr über den Hintergrund erfahren.

Also machte sie sich auf die Suche nach möglichen Bedeutungen, wollte dabei aber spielerisch bleiben und nicht trocken akademisch werden. Das ist eine sehr angenehme Herangehensweise, die man dem Buch auch anmerkt.

Das Buch ist so aufgebaut, dass links eine schöne Kalligraphie mit dem chinesischen Namen ist und rechts jedes Zeichen einzeln erklärt wird. Teilweise gibt es noch ergänzende oder zusammenfassende Hinweise. Das hier ist z.B. die Seite vom “Vogel am Schwanz fassen”:

Qialance_VogelamSchwanzfassen_lanqueweiDu siehst also, dass die Zeichen einzeln erklärt werden:

  • Lan (揽 oder vereinfacht 拦) kann übersetzt werden mit fassen, greifen, etwas in die Hände nehmen
  • Que (雀) bedeutet Spatz oder Sperling
  • Wei (尾) kann Schwanz oder Schweif sein

Wenn möglich zeigt sie auch, wie sich die einzelnen Zeichen zusammensetzen. So besteht z.B. Que aus den Zeichen für “klein” und “Vogel”.

Ich finde auch die persönlichen Anmerkungen und Ideen, die Jane Schorre zu den Namen schreibt, sehr interessant. So schreibt sie zum “Vogel am Schwanz fassen” (ich habe das mal relativ frei übersetzt):

Die Zeichen scheinen folgendes anzudeuten: wir beginnen die Form damit, von einem unbedeutendem kleinen Vogel den unwesentlichsten Teil in die Hand zu nehmen und schenken ihm die volle Aufmerksamkeit. Wir achten auf die kleinsten Details. Jedes Mal, wenn wir in der Form den “Vogel am Schwanz fassen” dient das als kleine Erinnerung an diese Art der Bewusstheit und Achtsamkeit.

Wow! Ich bin ja sowieso ein Detail-Freak was die Form angeht. Deshalb finde ich die Idee herrlich, dass quasi eine “denk-ans-Detail”-Erinnerung in die Form eingebaut ist!

So, jetzt bietet es sich natürlich an, dass Du einfach mal aufstehst und Peng, Lü, Ji, An übst: “den Vogel am Schwanz fassen”

Lass Dein Qi fließen!

Angelika

P.S.: How to Grasp the Bird’s Tail If You Don’t Speak Chinese ist leider vergriffen, aber wenn Du die Möglichkeit hast, das Buch irgendwo zu kaufen kann ich es wirklich seeeeeehr empfehlen! Das Buch ist übrigens stilübergreifend geschrieben: egal welchen Taijiquan-Stil Du machst, das Buch ist in jedem Fall interessant.

 

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