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Interview mit Foen Tjoeng Lie über Taijiquan & Qi Gong in Deutschland und das tägliche Üben

Es war 2008, als ich gerade meinen Job als Unternehmensberaterin gekündigt hatte und nun endlich Taijiquan unterrichten wollte. Weil ich noch ein paar Wochen bis zum Beginn meines ersten Kurses hatte wollte ich verreisen und mich fortbilden – und bin auf die Sommerakademie der Kolibri Seminare gestoßen. So habe ich Foen Tjoeng Lie im Sommer 2008 in Weimar kennengelernt. Eine Woche lang habe ich von ihm die Peking-Form und E’Mei Qi Gong gelernt. Außerdem waren auch ein paar chinesische Meister dabei und viele nette TeilnehmerInnen. Ich denke sehr gerne an diese Zeit zurück.

Vor ein paar Wochen, im Mai 2016, habe ich Tjoeng wiedergetroffen. 4 Tage lang Taiji-Fächer. Es war herrlich!

Foen Tjoeng Lie von Kolibri Seminare mit Angelika Fritz von Qialance beim Taiji Fächer WorkshopIn diesen 4 Tagen kam uns die Idee, dass ich Tjoeng doch für meinen Blog interviewen könnte. Er ist schon so lange Teil der Taijiquan- und Qi Gong-Gemeinschaft in Deutschland!

Nur mal so nebenbei: Nachdem ich ihn ja 8 Jahre nicht gesehen hatte war ich mir selber gar nicht mehr sicher, wie man Foen Tjoeng Lie nun eigentlich ausspricht und wie er genannt wird. Deshalb sag ich das nochmal für alle, die ihn nicht persönlich kennen: sein Rufname ist Tjoeng. Das spricht man ungefähr „Tzung“ aus!

Hier also jetzt mein Interview mit Foen Tjoeng Lie von Kolibri Seminare:

Kannst Du bitte ein bißchen was zu Deiner Person sagen:

Ich habe mit Qigong und Taijiquan als Jugendlicher (13. Lebensjahr) begonnen (damals habe ich noch in Indonesien gewohnt). Mein Vater hat die kurze Peking-Form mit 24 Folgen bei einem Nachbar gelernt und ich habe einfach aus Neugier mitgemacht.

Vom Qigong habe ich zu allererst Zhanzhuang (stehende Säule) kennengelernt. Als Halbstarker wollte ich die Kampfkunst von Süd-Shaolin erlernen, um mich besser gegen die anderen Jugendlichen zu behaupten. In der Gruppe, in der ich mit vielen Gleichaltrigen die Faustform bei einem Meister der Süd-Shaolin-Schule gelernt habe, mussten wir zu Beginn des Unterrichts 20 bis 30 Minuten Zhanzhuang üben.

Daneben hat mir der Nachbar, der meinem Vater und mir Taijiquan beibrachte, weitere Qigong-Übungen vermittelt. Drei Jahre später kam ich in das letzte Schuljahr und wegen der Vorbereitung des Abschlusses habe ich dann aufgehört Qigong und Taijiquan zu praktizieren.

Später bin ich nach Europa gekommen und 1977 haben mich einige Kommilitonen gebeten, ihnen das klassische Qigong Ba Duan Jing (die acht Brokat-Übungen) zu vermitteln. Da habe ich meine Übungspraxis für Qigong und Taijiquan wieder aufgenommen und seit 1984 habe ich regelmäßig Fort- und Weiterbildungen (auch in TCM) in China gemacht. Seit 1986 biete ich verstärkt Kurse und Ausbildungen an.Foen Tjoeng Lie Taijiquan

1991 habe ich die Kolibri Seminare ins Leben gerufen, um meine Kurse professionell zu organisieren und auch chinesische MeisterInnen nach Deutschland einzuladen. Kolibri Seminare hat die Sommer-Akademie für Qigong und Taijiquan in Deutschland eingeführt und ist Gründungsmitglied des Deutschen Dachverbands für Qigong und Taijiquan: DDQT.

Zur gleichen Zeit habe ich den Kolibri Verlag gegründet, um Bücher und DVD zu produzieren. Ich habe auch das Magazin DAO (für östliche Lebenskünste) herausgegeben, das 2000 eingestellt wurde. Der Kolibri Verlag ist zwar recht klein, aber die Bücher und DVDs werden von den FachkollegInnen geschätzt.

Du lebst und unterrichtest ja schon lange in Deutschland, was hat sich denn in den letzten Jahren besonders verändert?

Im 90er Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts hat Qigong und Taijiquan an Popularität und Verbreitung rasch zugenommen. In diesem Zeitraum entstanden viele Schulen und einzelne FachkollegInnen, die Qigong und Taijquan im Verein, über die VHS oder auf eigene Rechnung unterrichten. Seit einigen Jahren hat dieser Boom merklich nachgelassen. Jedoch gibt es immer noch genug InteressentInnen, die Qigong und Taijiquan erlernen wollen, um die eigene Gesundheit zu optimieren und mitunter auch um Meditation zu praktizieren.

Eine Entwicklung, die ich als Unterrichtender beobachtet habe, ist die abnehmende Bereitschaft, Qigong und Taijiquan über Jahre hinweg regelmäßig und ernsthaft zu erlernen und zu üben. Einige denken, man braucht nur einmal in der Woche zu einem Kurs von vielleicht 90 Minuten zu kommen und mitzumachen. Sie erwarten, dass man dann die Wirkung auf die Gesundheit oder Entspannung schon merken müsste. Und einige besuchen einen Kurs nach dem anderen, ohne die gelernten Übungen zu Hause weiter zu praktizieren.

Selbstverständlich braucht man einige verschiedene Übungsformen, um die unterschiedlichen Anforderungen anzunehmen und sich selbst zu schulen. Aber die Formen zu erlernen ohne sie zu praktizieren, daraus wird sich kaum eine (persönliche) Entwicklung ergeben.

Leider gibt es nach meiner Beobachtung nur wenige Kurs-TeilnehmerInnen, die die Notwendigkeit des regelmäßigen Übens verstehen und einsehen. Sie nehmen selbst am besten wahr, wie wichtig und unabdingbar die Übungspraxis für die eigene Gesundheit und eigene Weiterentwicklung ist. Diese KollegInnen können Qigong und Taijiquan fachlich richtig praktizieren UND profitieren auch selbst am meisten davon.

Ja, das tägliche üben ist so wichtig, aber eben auch gar nicht immer so einfach umzusetzen. Ich glaube, das ist eine Entwicklung die sich nicht nur auf Deutschland begrenzt. Auch auf meinem englischen Blog taucht immer wieder die Frage nach dem regelmäßigen üben auf. Ich habe sogar extra einen Blogpost geschrieben mit Zitaten, warum das tägliche Üben so wichtig ist.

Ich glaube am ehesten kommt man zum täglichen Üben, wenn man sich klar macht, was man davon hat. Was ist der größte Nutzen von Taijiquan/Qi Gong für Dich persönlich?

Unter anderem: ich bin mit 68 körperlich und geistig noch relativ fit und innerlich (zwar noch nicht ganz gelassen aber) ein wenig ruhiger. Ich habe den Eindruck, dass ich besser mit den beruflichen und privaten Herausforderungen zurechtkomme.

Welchen Taijiquan-Stil und welche Qi Gong Sets machst Du besonders gerne und warum?

Ich persönlich übe gerne und mit Freude Taijiquan Foeng Tjoeng Lie Qi GongYang-Stil inkl. den Waffenformen, Taiji Qigong mit 18 Folgen (sog. 18 Harmonien), Changshou Gong (Übung fürs lange Leben), Hui Chun Gong (Rückkehr des Frühlings), Taiji Yangsheng Zhang (Taiji Fitness-Stab), Ba Duan Jin (8 Brokat-Übungen) und Wu Qin Xi (Spiel der fünf Tiere). Ich habe gemerkt, dass sie mir körperlich und psychisch im Sinne von Gesundheitsförderung, Meditation und meiner Persönlichkeitsschulung von Vorteil sind.

Aus Zeitgründen muss ich die verschiedenen Formen von Qigong und Taijiquan turnusmäßig praktizieren, da ich neben der eigenen Praxis natürlich unterrichte und im Büro für die Verwaltung arbeiten muss. Außerdem schreibe ich nebenbei noch Bücher.

In meinem Bücherschrank steht z.B. Dein Buch zur Pekingform! Und natürlich gibt es auch bei Amazon (hier) und im Kolibri-Verlag noch mehr Bücher von Dir.

Da Du ja auch ausbildest, welche Bücher kannst Du allen (angehenden) LehrerInnen empfehlen?

Es gibt viele gute Bücher, die man benutzen kann. Diese würde ich am ehesten empfehlen:

Jetzt nochmal zurück zum Üben. Was würdest Du jemandem raten, der/die schon länger Taijiquan macht?

Einerseits soll man die eigene Praxis nicht vernachlässigen. Andererseits soll man über den eigenen Tellerrand schauen und ggf. eine/n neuen LehrerIn suchen, bei der/m man hier und da ein wenig dazu lernen kann. Auch von KollegInnen und gar von SchülerInnen kann man dazu lernen.

Bei der eigenen Praxis soll man öfter nur einige Sequenzen üben statt immer die ganze Form. So kann man sich auf wenige Punkte konzentrieren und eigene Schwachstellen besser erkennen und ggf. korrigieren.

Wer waren bzw. sind denn Deine wichtigsten LehrerInnen?

Ich habe bei recht vielen LehrerInnen gelernt, aber hier sind vier, die mich am meisten geprägt haben:

  • Yifang Li, der Nachbar, der zugleich mein Schullehrer war und meinen Vater und mich in Taijiquan und Qigong unterrichtet hat.
  • Fo Yan, der Abt des Zen-Klosters Yunmen (Umon), bei dem ich die Zen-Meditation erlernen durfte.
  • Guiyan Jian, die mir Peking-Form und Yang-Stil sowie Taiji-Fächer beigebracht hat.
  • Zhenhe Yang, der mir die ursprünglichen Anwendungen des Yang-Stil-Taijiquan beigebracht hat, viele meiner Fehler korrigiert hat und mir einige Raffinessen gezeigt hat.

Du hast schon so viel gelernt und auch selber ausgebildet, bei wem würdest Du denn gerne mal ein Seminar besuchen?

Ich gehe immer noch sehr gerne zu Meister Zhenhe Yang. Ich habe selber noch einige Fehler und Schwachstellen, die er gut erkennt und mir beibringt, wie ich sie meistern oder zumindest damit besser zurecht kommen kann.

Vielen Dank, Tjoeng, für das Interview!

Und was ich unbedingt noch erwähnen möchte: Foen Tjoeng Lie bzw. Kolibri Seminare bietet auch Taijiquan & Qi Gong Studienreisen nach China an. Oh, wie gerne ich da mal mitfahren möchte! Wenn meine Kinder größer sind…

 

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Interview mit Katrin Heilmaier vom QuantenHeilmaierBlog

Heute möchte ich Dir wieder mal eine Bloggerin vorstellen, die sich auch mit Taijiquan beschäftigt. Nämlich Katrin Heilmaier vom QuantenHeilmaierBlog!

Katrin_QuantenHeilmaierBlogKannst Du bitte ein bisschen mehr zu Deiner Person sagen:

Aufgewachsen bin ich im schönen Lübeck, oben im Norden an der Ostsee. Zum Studium der BWL zog ich nach Osnabrück, wo ich dann auch meinen Mann kennenlernte. Wir blieben dort bis wir vor knapp 3 Jahren uns und unsere 2009 gegründete gemeinsame Firma nach Nürnberg verlegten. Gemeinsam bloggen wir unter www.kwittungsblog.de. Darüber hinaus arbeite ich als Dozentin im Bereich der Erwachsenenbildung.

Seit ich in Nürnberg lebe, veranstalte ich auch Taiji-Worshops, am liebsten Push Hands. Über mein Taijiquan blogge ich auf dem QuantenHeilmaierBlog.

Seit wann machst Du Taijiquan?

Mit dem Taijiquan habe ich 2004 begonnen. Damals machte mir mein Rücken bzw. stellvertretend mein Arzt klar, dass ich nicht nur arbeiten, damals meine Hauptbeschäftigung, sondern auch Sport machen müsse. Dummerweise kann ich aber Sport im klassischen Sinne so gar nicht leiden. Also suchte ich nach einem „Alibi-Sport“, eher für mein Gewissen als für meinen Körper.

Taijiquan erschien mir damals geeignet, weil in der Kursbeschreibung Begriffe wie Entspannung, langsames Tempo und Ruhe standen. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einließ, ging jede Woche brav zum Unterricht und machte innerlich einen Haken in meiner To-do-Liste. Doch dann kroch dieses Taijiquan immer mehr in mein Leben…

Oh, das kenne ich. Bei mir hat sich Taijiquan auch immer mehr in mein Leben geschlichen!Und lustigerweise habe ich auch 2004 damit angefangen!

Welchen Stil machst Du und warum?

Das von mir praktizierte Taijiquan ist ein Yang-Stil nach Art von Huang Sheng Shyan (1910 – 1992), der vorwiegend in Singapur und Malaysia bekannt ist. Meister Huang beherrschte auch Fujian White Crane und andere Kampfkünste ehe er Schüler von Cheng Man Ching wurde. Mein Lehrer, Wee Kee Jin, gehörte in den 1980er Jahren zum inneren Kreis seiner Schüler.

Die Kombination von den 5 Loosenings (von Huang entwickelte Übungen), der Form und fixed Push-Hands ist geeignet, um nach und nach die unterschiedlichen Aspekte wie Gesundheit, Meditation, Kampf usw. des Taijiquan zu entdecken und zu erfahren. Ich erkannte darin schnell den roten Faden, auch wenn ich (noch) nicht alles (perfekt und jederzeit) umsetzen konnte (und kann).

Unseren Stil und das Lehrsystem finde ich sehr überzeugend und logisch aufgebaut. Ich bin ein analytischer Mensch, bin dankbar für klare, erkennbare Strukturen wenn ich auf Forschungsreise gehe.

Was ist der größte Nutzen von Taijiquan für Dich?

Ja, (*schmunzeln*) der Nutzen interessiert jeden, erst recht einen BWLer. Das ist aber für mich ähnlich schwierig zu beantworten wie die Frage: Was ist Taiji? Obwohl (oder gerade weil?) ich keine Erwartungen hatte, stellte ich bald überrascht fest, dass die Prinzipien immer mehr Bereiche meines Lebens enterten. Trotzdem kann ich für mich nicht sagen, dass ich Taijiquan mache, um explizit etwas zu tun oder zu erreichen. Natürlich ist das Leben besser, wenn der Rücken nicht mehr schmerzt, ohne Gesundheit taugt der Rest des Lebens auch nicht viel. Aber Kampf? Selbstverteidigung? Mit diesen Schlagworten hätte mich keiner in eine Turnhalle gelockt. Den Nutzen konnte ich jahrelang nicht benennen. Ich mochte es. Punkt.

Inzwischen denke ich, das Tajiquan ermöglicht mir Erfahrungswissen. Ich erfahre etwas über mich. Über mein Verhalten und meine Handlungsweisen, über meine Reaktionen und meine Antwort auf die (Um-)Welt.

Erfahrungswissen wird im Vergleich zu intellektuellem Wissen meiner Ansicht nach leider oft unterschätzt. Wenn ich lese, dass das Weiche das Harte überwindet, kann ich das für (un-)möglich halten. Wenn ich es beobachte, beispielsweise bei Hochwasser, sehe ich, dass es dem Wasser möglich ist. Aber hat das was mit mir zu tun?

Diese Behauptung dann im Taijiquan als ganz persönliche (körperliche) Erfahrung zu erleben, ist beeindruckend, berührend, bewegend. Weiches überwindet Hartes. Kampf und Selbstverteidigung sind für mich also das Erfahrungsfeld für Entspannung und Mühelosigkeit. Klingt paradox. Darum wird es auch nicht langweilig. Für mich ist gerade die Partnerarbeit (Push Hands) im Taijiquan es etwas sehr, sehr Faszinierendes, weil es mein „normales“, tradiertes Weltbild auch auf den Kopf stellt.

Was würdest Du jemandem raten, der/die Taijiquan macht?

Ich kann nicht jemand anderem raten, ich kann nur für mich sprechen. Anfangs habe ich es abgelehnt, mich mit den klassischen Schriften zu beschäftigen, weil ich dachte, mir würde der kulturelle Zusammenhang oder das Wissen fehlen, so dass ich sie gar nicht verstehen könnte. Doch das ist so nicht richtig. Wir können heute ebenso die Natur beobachten wie damals die Menschen auch. Ein Baum ist ein Baum, ein Vogel ein Vogel, ein Mensch ist ein Mensch. Punkt. Die Sätze erscheinen dann teilweise zunächst banal, sind aber vielschichtig. Je nach Level ändert sich das Verständnis und damit öffnen sich wieder neue Horizonte. Für mich ist das Beobachten der Natur sehr wertvoll, daher bin ich auch so oft mit meiner Kamera unterwegs.

Meine persönliche Taktik im Taijiquan ist, mir möglichst nicht einzubilden, etwas zu „KÖNNEN“. Wenn ich denke, dass ich etwas kann, fixiert das meine Vorstellung und ich höre auf zu forschen und zu suchen. Besser, ich mache etwas, das manchmal meinen Vorstellungen entspricht oder „gelingt“ und manchmal nicht. Paradoxerweise ist das vermeintliche Scheitern dann oft gerade der Fortschritt. Zunehmend entwickelt sich das „Machen“ mehr zu einem „Geschehen lassen“. Ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt ist für mich letztlich Vertrauen. Vertrauen ins Taijiquan. Vertrauen in die eigene Entwicklung. Und Geduld, denn es ist ein Entwicklungsprozess.

„Vertrauen ins Taijiquan“ – das finde ich schön gesagt. Denn man weiß ja wirklich nicht, wohin einen das Üben führt. Wer waren bzw. sind denn Deine wichtigsten LehrerInnen?

Tja, das ist übersichtlich. Meine Basis-Ausbildung habe ich bei Hella Ebel in Osnabrück erhalten. Sie hat nach meinem Eindruck ein solides Fundament gelegt, langsam und sehr sorgfältig Bild für Bild der Form hinzugefügt. Natürlich wollten wir damals auch ganz schnell etwas „Können“ und haben zwischendurch gemurrt. Aber das nutzte nichts und dafür bin ich heute dankbar. Für die Kurzform brauchten wir etwa 4 Jahre. Wertvoll war im Rückblick auch, dass die eh schon verwirrende Anfangszeit ohne zusätzliche (Fremd-)Sprachbarrieren war.

Gemeinsam sind wir Schülerinnen von Wee Kee Jin, mein aktueller Lehrer. Dass Jin meiner Meinung nach sehr gutes Taijiquan praktiziert, versteht sich. Wie ich darauf komme? Nun, wenn wir zusammen freies Push-Hands machen, gibt es nicht eine Millisekunde, in der ich mich schlecht oder unangenehm behandelt fühlte. Im Gegenteil. Ohne den Hauch einer Chance „verliere“ ich ein ums andere Mal und bin anschließend heiter und glücklich. Taijiquan ist es für mich nur, wenn beide danach lächeln.

Jins Unterricht ist absolut klar und strukturiert. Wir dürfen an seinem Körper fühlen, welche inneren Vorgänge zu einer Bewegung gehören. Wir sollen ihm Fragen stellen. Wir sollen selbst denken und nicht „gläubig“ sein. Fortgeschrittene Schüler werden von ihm aufgefordert, sich auch andere Lehrer/innen mal anzusehen. Sie sollen ihr „eigenes“ Taiji entwickeln, keine Kopie werden. Das sind Rahmenbedingungen, in denen ich mich wohl fühle. Das „sich wohl fühlen“ ist mir wichtig. Wie sonst könnte ich entspannen?

Auch wenn es seltsam erscheinen mag, sage ich immer, viele Erkenntnisse stammen von meinen Laufenten im Garten, denen ich täglich zugeschaut habe.

Mit ihrer aufrechten Haltung sind sie weitgehend flugunfähig und damit stets gefährdet, Opfer anderer Tiere zu werden. Also „schwach und hilflos“ aus unserer Sicht. Entsprechend besorgt habe ich anfangs das Treiben der Nachbarskatzen beäugt. Die Laufenten kompensieren ihre „Schwäche“ aber durch extrem hohe Aufmerksamkeit für die Umgebung, überraschende Raffinesse und exzellentes Timing. Elemente, die ich im Taijiquan für mich umzusetzen lerne.

Das finde ich auch faszinierend, wieviel ich über Beobachtung lernen kann. Ich habe zwar keine Laufenten, aber ich sehe meinen beiden kleinen Kindern oft zu und entdecke (wieder) natürliche Bewegungen.

Du hast vorhin erwähnt, dass Du Dich mit den klassischen Schriften beschäftigst. Welche Bücher nimmst Du immer wieder gerne zur Hand?

Ich greife für die Klassischen Schriften auf Wee Kee-Jins Bücher (Taijiquan Wuwei: A Natural Process sowie Wee Kee Jin: „True To The Art“) zurück, das erste ist eher „technisch“, das zweite mit mehr Anekdoten angereichert. Es gibt leider viele Taiji-Bücher, die sich nur auf die Technik beschränken. Die finde ich ungefähr so anregend wie Aufbauanleitungen von schwedischen Möbelhäusern.

Persönliche Geschichten inspirieren mich viel mehr. Am meisten Spaß hatte ich mit Steal My Art – The Life and Times of T’ai Chi Master T. T. Liang von Stuart Alve Olson (leider nur auf Englisch zu bekommen). Den alten Herrn Liang hätte ich wirklich gerne kennengelernt, auch auf die Gefahr ein Opfer seiner Streiche zu werden.

Oh, das Buch lese ich gerade und kann es auch sehr empfehlen! Ich finde es schön, dass Taijiquan mit so viel Humor verbunden wird und eben nicht nur stumpfe, „seriöse“ Theorie.

Oder Alan Watts, dessen Humor mir ebenfalls behagt. Aber auch die Bücher von Wolfe Lowenthal über seine Zeit mit Cheng Man Ching gefallen mir. An ihnen ist gut zu erkennen, dass Taijiquan nicht auf die Zeit im Training beschränkt sein sollte, sondern rund um die Uhr die Lebensweise prägt.

Vielen Dank liebe Katrin für dieses schöne Interview!

Übrigens: als ich Katrin gefragt habe, ob sie meine Fragen beantworten möchte, da meinte sie, dass ich die Fragen doch auch mal beantworten könnte. Deshalb findet ihr das Interview mit MIR bei Katrin (hier)!

Und falls Du noch mehr über die Top 10 Blogs über Taijiquan erfahren möchtest, es gibt schon Interviews mit Matrin Bödicker von der Tai Chi-Ecke und Jörg Roth von der Tai Chi Akademie Kaiserslautern.

Lass Dein Qi fließen!

Angelika

 

Interview mit Jörg Roth (Blog: Tai Chi Akademie Kaiserslautern)

Nachdem ich Dir vor ein paar Wochen Martin Bödicker von der Tai Chi-Ecke vorgestellt habe, möchte ich Dir nun einen weiteren Taijiquan- und Qi Gong-Blogger vorstellen.

Nämlich Jörg Roth von der Tai Chi Akademie Kaiserslautern.

Kannst Du bitte ein bißchen mehr zu Deiner Person sagen:

Mein Name ist Jörg Roth, geboren am 09.02.1978. Beruflich bin ich Sänger der Rockband Saltatio Mortis.

Außerhalb der Touren mit Saltatio Mortis unterrichte ich Shaolin Kung Fu und Meditation an der Tai Chi Akademie Kaiserslautern.

Tai Chi und Qi Gong lerne ich bei unserem Großmeister Adelino Rondali und weiteren Meistern in Deutschland und China. Tai Chi und Qi Gong lerne ich schon seit 10 Jahren, seit 8 Jahren habe ich mein Training um Kung Fu erweitert.

JoergRoth_TaiChiAkademieKaiserslauternWelchen Stil machst Du und warum?

Ich trainiere Tai Chi Chen- und Yang-Stil, sowie Kung Fu und Qi Gong.

Im Kung Fu liegt mein Schwerpunkt in den Formen des Shaolin Tempels. Im Tai Chi interessiert mich besonders der Chen Stil, auch wenn ich im Moment zuerst meine Ausbildung im Yang-Stil fördere.

Setzt Du Dir einen besonderen Schwerpunkt, z.B. Gesundheit, Kampf, Meditation, Philosophie…?

Ich bin der Meinung, dass man keinen dieser Schwerpunkte voneinander trennen sollte. Aus diesem Grund habe ich vor 2 Jahren auch meine chanbuddhistische Ausbildung bei Meister Curtis-Clavin Dietrich begonnen.

Was ist der größte Nutzen von Taijiquan/Qi Gong für Dich? Wobei hilft es Dir?

Der größte Nutzen ist für mich die Entschleunigung unserer hektischen Welt. Das Schöpfen von neuer Energie und der körperliche Ausgleich.

Ich habe mit Tai Chi wegen einer Herz-/Kreislauferkrankung begonnen. Nach 2 Jahren konnte ich alle Medikamente absetzen und bin nun mit 37 Jahren fitter und gesünder als ich es mit 25 war.

Was würdest Du jemandem raten, der/die schon länger Taijiquan macht?

Öfter mal an externen Seminaren in aller Welt teilnehmen und verschiedene Meister besuchen. Am wichtigsten ist aber, dass man nie glaubt man hätte alles gelernt und wäre sehr gut in Tai Chi oder Qi Gong.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man egal wie lange man diese Kampfkünste betreibt, immer noch Lehrer oder einfach Menschen trifft, die einem einen neuen Aspekt oder neues Wissen mit auf den Weg geben können.

Meiner Meinung nach endet die Ausbildung mit dem letzten Atemzug.

Da stimme ich Dir zu. Das finde ich persönlich beruhigend, zu wissen, dass ich bis an mein Lebensende immer weiter lernen kann. Natürlich möchte man trotzdem immer besser werden. Wie geht das, Deiner Meinung nach?

Mit beharrlichem Üben und einem offenen, hörenden Herzen.

Wer waren bzw. sind Deine wichtigsten LehrerInnen?

Meine wichtigsten Lehrer sind:

Großmeister Adelino Rondali (Tai Chi Akademie Kaiserslautern): er hat mich sozusagen Laufen gelehrt. Außerdem verbindet uns jahrelanges Vertrauen.

Meister Curtis Clavin Dittrich (Dao Jun) ist mein geistiger Mentor.

Shi Yan Rui (Shaolinzentrum Bielefeld) ist einer der besten Freunde, die ich je hatte.

Außerdem sind da noch:

  • Shi Yong Dao (Shaolin Tempel Deutschland in Berlin)
  • Shi Yan Yao (Shaolin Tempel Deutschland in Berlin)
  • Shi Yan Kai (Shui Yu Tempel China)
  • Shi Yan Zaho (Shaolin Tempel China)
  • Shi Yan Fey  (Shaolin Tempel China)

Wo Du gerade vom Shaolin Tempel in China sprichst: Was reizt Dich daran, dort zu trainieren?

In China hat man einen ganz anderen Lehrstil als in Deutschland. Es wird nicht so viel geredet oder erklärt. Man muss seinen Weg selbst finden und auf seinen Körper hören. Die Meister zeigen einem den Ablauf und korrigieren die Bewegungen. Alles weitere muss man durch Achtsamkeit selbst erfahren.

Die Atmosphäre in China ist einfach wundervoll. Man verbringt Wochen mit Menschen, die ähnliche Ziele und Interessen haben. Außerdem kann man dort wunderbar seine Grenzen erfahren und erweitern.

Sprichst Du eigentlich Chinesisch?

Bei Chinareisen sind Sprachkenntnisse wirklich empfehlenswert. Manche kleinen Geheimnisse der Kampfkünste werden einem einfach erzählt, wenn man es versteht. Wenn der unterrichtende Meister sich mit Dir unterhalten kann, ist das Eis sofort gebrochen und das Training ist viel besser auf die eigenen Ziele abgestimmt. Außerdem erlebt man dann unvergessliche Dinge auch außerhalb des Trainings.

Wem würdest Du so eine Reise empfehlen?

Ich empfehle jedem Interessierten solche Reisen. Aber man sollte auch mal wagen andere Ziele oder Kampfkünste zu erleben. Das hilft oft Unklarheiten in dem Primärtraining zu überwinden.
Ich werde nächstes Jahr erst mal nach Indien reisen um einen Einblick in Kalari Payattu zu erhalten.

Oh, das klingt ja spannend! Aber wenn man nun nicht so weit reisen kann, gibt es vielleicht Bücher, die Du empfehlen kannst?

Meister Dietrich hat mich gelehrt, dass ich keine Bücher lesen soll, sondern meinen eigenen Erfahrungen mehr Gewicht geben soll. In Büchern findet man immer nur die Meinung eines anderen Menschen.

Ich tausche Erfahrungen lieber mit anderen Menschen als mit Papier. Man kann viel mehr erleben, wenn man mit Menschen direkt spricht und ihre Meinung direkt hinterfragen und mit der eigenen vergleichen.

Vielen Dank an Jörg für dieses interessante Interview!

 

Wenn Du mehr von Jörg lesen möchtest, dann klick Dich rüber zur Tai Chi Akademie Kaiserslautern. Dort findest Du z.B. Jörgs Bericht aus China.

Angelika

P.S.: Also ich gebe jetzt mal zu, dass ich in den letzten Jahren wirklich sehr wenig Musik gehört habe. Außer mehrmals wöchentlich Ritter Rost mit meinen Kindern. Aber ich habe mal bei Jörgs Band Saltatio Mortis reingehört und kann Dir von diesem Album dieses Lied empfehlen: Wo sind die Clowns in dieser Welt.

 

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