Interview mit Martin Bödicker (Blog: Die Tai Chi-Ecke)

Wenn Du schon länger auf meinem Blog mitliest weißt Du, dass es mir sehr wichtig ist, Dir auch andere Taijiquan- und Qi Gong-Blogger vorzustellen. Die Liste aller deutsch- und englischsprachigen Blogs, die ich bisher gefunden habe, findest Du bei mir unter Qi-Blogs.

Aber ich möchte mehr über den Menschen hinter einem Blog erfahren, deshalb werde ich einige BloggerInnen interviewen. Und ich freue mich sehr, dass beim ersten Interview Martin Bödicker von der Tai Chi-Ecke mitmacht!

Martin BödickerZu meiner Person: Ich bin Doktor der Chemie und Diplomregionalwissenschaftler Ostasien. Ich habe lange Zeit das Forum für traditionelles Wu Tai Chi Chuan in Düsseldorf geleitet. Heute führe ich einen Fachverlag für Literatur rund um das Thema Tai Chi Chuan, Kampfkunst und China und blogge fleißig zu diesen Themen.

Seit wann machst Du Taijiquan/Qi Gong?

Während meiner Studienzeit in Düsseldorf übte ich Taekwondo- und Aikido. Schon recht früh, 1986, traf ich auch auf meinen Tai Chi-Lehrer Ma Jiangbao, der das vollständige System des Wu-Stil unterrichtete. Seit dem bin ich sein Schüler. Ich liebte das Training bei ihm (aus Altersgründen hat Ma Jiangbao seine Lehrtätigkeit beendet) und so war für mich der Lehrer (und seine Tai Chi-Familie in Shanghai) immer wichtiger, als welchen Stil ich übe. Ich mag alle Bereiche des Tai Chi Chuan, bin aber von Anfang an vom Pushhands besonders fasziniert gewesen.

Was ist der größte Nutzen von Taijiquan für Dich? Was hat sich für Dich verändert seit Du das machst?

Ich habe recht früh mit dem Unterricht des Tai Chi Chuan begonnen. Dort fand ich auch viele Freunde und so wurde diese Kunst schnell ein fester Bestandteil meines Lebens. Auch meine Frau sollte ich hier kennenlernen. Nach Abschluss meiner beiden Studiengänge bin ich zusammen mit meiner Frau professioneller Tai Chi-Lehrer/in geworden. Vor sechs Jahren habe ich meine Lehrtätigkeit beendet und mich ganz auf den Verlag und das Übersetzen von Tai Chi-Literatur konzentriert. So kann ich sagen, dass Tai Chi Chuan ein wesentlicher Teil meines Lebens ist.

Was würdest Du jemandem raten, der/die schon länger Taijiquan macht? Wie wird man immer besser?

Ein zentrales Element für den Fortschritt im Tai Chi Chuan ist für mich das Pushhands. Die Form kann von einem jeden intensiv alleine geübt werden. Aber dies kann auf Dauer für den Fortgeschrittenen nur noch zu mäßigem Fortschritt führen. Durch intensives Studium des Pushhands kann man sich aber leicht weiterentwickeln. Die Wechselwirkung zwischen Form und Pushhands ist doch enorm. Dabei sollte das Studium des Pushhands nach Möglichkeit auch stilübergreifendes Training beinhalten. So kann man das Erlernte testen und mit dem Feedback weitere Fortschritte vorbereiten.

Kannst du das noch etwas ausführen? Was bringt das Pushhands genau?

In den Klassikern heißt es: „Die Form vermittelt einem das Wissen von einem selbst. Das Pushhands vermittelt das Wissen vom anderen.“

Tai Chi Chuan ist als Kampfkunst kreiert worden. Um einen möglichst großen Fortschritt zu erreichen, sollten beide Aspekte, die Grundlage und die Anwendung, geübt werden. In der Anwendung, dem Pushhands, kann man sich Anfangs voll auf das Fühlen (tingjin) konzentrieren. Nach und nach wird es einem gelingen, den anderen und sich selbst besser wahrzunehmen. Diese bessere Wahrnehmung führt einem zum Verstehen (dongjin). Man wird Bewegungen, Kräfte, aber auch feinere Nuancen, wie Absichten des anderen einordnen und beantworten können. Von hier aus gibt es zwei mögliche Entwicklungen.

  1. Man ist mit diesem Stand der Entwicklung zufrieden und spiegelt ihn in das Formtraining zurück.
  2. Man entwickelt sich weiter in realistischere Techniken des Kampfes.

Am Ende gibt einem das Pushhands die Freiheit, sich auf vielen Ebenen zu entwickeln. So bewahrheitet sich dann der Satz aus dem „Klassiker des Tai Chi Chuan“:

„Es schweigend zu ergründen, bis man nach und nach frei ist, den Wünschen seines Herzens zu folgen.“

Ma Jiangbao und Martin Bödicker

Wer waren bzw. sind Deine wichtigsten LehrerInnen?

Neben Ma Jiangbao, waren sein Vater Ma Yueliang und seine Brüder Ma Hailung und Ma Jianglin für mich sehr wichtig. Daneben möchte ich meinem Aikido-Lehrer Eginhard Köhler recht herzlich danken. Das Aikido-Training mit ihm war auch eine sehr wichtige Zeit für mich.

Welche Bücher nimmst Du immer wieder gerne zur Hand?

Ich lese grundsätzlich sehr viel über Tai Chi Chuan – in Form von Büchern, aber auch im Internet. Immer wieder zur Hand nehme ich die Klassiker, gerne auch im Original.

Gerade habe ich wieder einmal über die natürliche Bewegung nachgedacht und dazu mir das Kapitel zur „bewussten Bewegung“ aus den Klassikern rausgesucht. Einfach klasse und so aktuell. Es heißt im Text 3 der „40 Texte der Familie Yang“, dass der Mensch zwar ursprünglich die natürliche Bewegung beherrscht, dass er diese aber durch (schlechte) Angewohnheiten verliert. Wie kehrt man zu ihr zurück?

Durch das Tai Chi-Training der bewussten Bewegung. Der Klassiker erläutert dann das Wort „bewusst“ näher. Es besteht aus zwei chinesischen Schriftzeichen: Erkenntnis und Fühlen.

Erst durch eine harmonische Kombination dieser zwei wird man zur natürlichen Bewegung zurückkehren können. Es bedarf also beidem, sowohl rationalem Durchdenken von Bewegung, als auch dem intuitivem Fühlen dessen, was passiert. Diese zwei sind wie Yin und Yang und erst zusammen ergeben sie das Tai Chi. Genau so habe ich es in meinem Unterricht gelernt und ich habe auch immer versucht, diesen Punkt an meine Schüler weiterzuvermitteln.

 

Martin, vielen Dank für das interessante Interview!

Und falls Du mehr von Martin lesen möchtest, hier geht es zur Tai Chi-Ecke!

Angelika

 

3 Gedanken zu „Interview mit Martin Bödicker (Blog: Die Tai Chi-Ecke)

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