Interview mit Katrin Heilmaier vom QuantenHeilmaierBlog

Heute möchte ich Dir wieder mal eine Bloggerin vorstellen, die sich auch mit Taijiquan beschäftigt. Nämlich Katrin Heilmaier vom QuantenHeilmaierBlog!

Katrin_QuantenHeilmaierBlogKannst Du bitte ein bisschen mehr zu Deiner Person sagen:

Aufgewachsen bin ich im schönen Lübeck, oben im Norden an der Ostsee. Zum Studium der BWL zog ich nach Osnabrück, wo ich dann auch meinen Mann kennenlernte. Wir blieben dort bis wir vor knapp 3 Jahren uns und unsere 2009 gegründete gemeinsame Firma nach Nürnberg verlegten. Gemeinsam bloggen wir unter www.kwittungsblog.de. Darüber hinaus arbeite ich als Dozentin im Bereich der Erwachsenenbildung.

Seit ich in Nürnberg lebe, veranstalte ich auch Taiji-Worshops, am liebsten Push Hands. Über mein Taijiquan blogge ich auf dem QuantenHeilmaierBlog.

Seit wann machst Du Taijiquan?

Mit dem Taijiquan habe ich 2004 begonnen. Damals machte mir mein Rücken bzw. stellvertretend mein Arzt klar, dass ich nicht nur arbeiten, damals meine Hauptbeschäftigung, sondern auch Sport machen müsse. Dummerweise kann ich aber Sport im klassischen Sinne so gar nicht leiden. Also suchte ich nach einem „Alibi-Sport“, eher für mein Gewissen als für meinen Körper.

Taijiquan erschien mir damals geeignet, weil in der Kursbeschreibung Begriffe wie Entspannung, langsames Tempo und Ruhe standen. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einließ, ging jede Woche brav zum Unterricht und machte innerlich einen Haken in meiner To-do-Liste. Doch dann kroch dieses Taijiquan immer mehr in mein Leben…

Oh, das kenne ich. Bei mir hat sich Taijiquan auch immer mehr in mein Leben geschlichen!Und lustigerweise habe ich auch 2004 damit angefangen!

Welchen Stil machst Du und warum?

Das von mir praktizierte Taijiquan ist ein Yang-Stil nach Art von Huang Sheng Shyan (1910 – 1992), der vorwiegend in Singapur und Malaysia bekannt ist. Meister Huang beherrschte auch Fujian White Crane und andere Kampfkünste ehe er Schüler von Cheng Man Ching wurde. Mein Lehrer, Wee Kee Jin, gehörte in den 1980er Jahren zum inneren Kreis seiner Schüler.

Die Kombination von den 5 Loosenings (von Huang entwickelte Übungen), der Form und fixed Push-Hands ist geeignet, um nach und nach die unterschiedlichen Aspekte wie Gesundheit, Meditation, Kampf usw. des Taijiquan zu entdecken und zu erfahren. Ich erkannte darin schnell den roten Faden, auch wenn ich (noch) nicht alles (perfekt und jederzeit) umsetzen konnte (und kann).

Unseren Stil und das Lehrsystem finde ich sehr überzeugend und logisch aufgebaut. Ich bin ein analytischer Mensch, bin dankbar für klare, erkennbare Strukturen wenn ich auf Forschungsreise gehe.

Was ist der größte Nutzen von Taijiquan für Dich?

Ja, (*schmunzeln*) der Nutzen interessiert jeden, erst recht einen BWLer. Das ist aber für mich ähnlich schwierig zu beantworten wie die Frage: Was ist Taiji? Obwohl (oder gerade weil?) ich keine Erwartungen hatte, stellte ich bald überrascht fest, dass die Prinzipien immer mehr Bereiche meines Lebens enterten. Trotzdem kann ich für mich nicht sagen, dass ich Taijiquan mache, um explizit etwas zu tun oder zu erreichen. Natürlich ist das Leben besser, wenn der Rücken nicht mehr schmerzt, ohne Gesundheit taugt der Rest des Lebens auch nicht viel. Aber Kampf? Selbstverteidigung? Mit diesen Schlagworten hätte mich keiner in eine Turnhalle gelockt. Den Nutzen konnte ich jahrelang nicht benennen. Ich mochte es. Punkt.

Inzwischen denke ich, das Tajiquan ermöglicht mir Erfahrungswissen. Ich erfahre etwas über mich. Über mein Verhalten und meine Handlungsweisen, über meine Reaktionen und meine Antwort auf die (Um-)Welt.

Erfahrungswissen wird im Vergleich zu intellektuellem Wissen meiner Ansicht nach leider oft unterschätzt. Wenn ich lese, dass das Weiche das Harte überwindet, kann ich das für (un-)möglich halten. Wenn ich es beobachte, beispielsweise bei Hochwasser, sehe ich, dass es dem Wasser möglich ist. Aber hat das was mit mir zu tun?

Diese Behauptung dann im Taijiquan als ganz persönliche (körperliche) Erfahrung zu erleben, ist beeindruckend, berührend, bewegend. Weiches überwindet Hartes. Kampf und Selbstverteidigung sind für mich also das Erfahrungsfeld für Entspannung und Mühelosigkeit. Klingt paradox. Darum wird es auch nicht langweilig. Für mich ist gerade die Partnerarbeit (Push Hands) im Taijiquan es etwas sehr, sehr Faszinierendes, weil es mein „normales“, tradiertes Weltbild auch auf den Kopf stellt.

Was würdest Du jemandem raten, der/die Taijiquan macht?

Ich kann nicht jemand anderem raten, ich kann nur für mich sprechen. Anfangs habe ich es abgelehnt, mich mit den klassischen Schriften zu beschäftigen, weil ich dachte, mir würde der kulturelle Zusammenhang oder das Wissen fehlen, so dass ich sie gar nicht verstehen könnte. Doch das ist so nicht richtig. Wir können heute ebenso die Natur beobachten wie damals die Menschen auch. Ein Baum ist ein Baum, ein Vogel ein Vogel, ein Mensch ist ein Mensch. Punkt. Die Sätze erscheinen dann teilweise zunächst banal, sind aber vielschichtig. Je nach Level ändert sich das Verständnis und damit öffnen sich wieder neue Horizonte. Für mich ist das Beobachten der Natur sehr wertvoll, daher bin ich auch so oft mit meiner Kamera unterwegs.

Meine persönliche Taktik im Taijiquan ist, mir möglichst nicht einzubilden, etwas zu „KÖNNEN“. Wenn ich denke, dass ich etwas kann, fixiert das meine Vorstellung und ich höre auf zu forschen und zu suchen. Besser, ich mache etwas, das manchmal meinen Vorstellungen entspricht oder „gelingt“ und manchmal nicht. Paradoxerweise ist das vermeintliche Scheitern dann oft gerade der Fortschritt. Zunehmend entwickelt sich das „Machen“ mehr zu einem „Geschehen lassen“. Ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt ist für mich letztlich Vertrauen. Vertrauen ins Taijiquan. Vertrauen in die eigene Entwicklung. Und Geduld, denn es ist ein Entwicklungsprozess.

„Vertrauen ins Taijiquan“ – das finde ich schön gesagt. Denn man weiß ja wirklich nicht, wohin einen das Üben führt. Wer waren bzw. sind denn Deine wichtigsten LehrerInnen?

Tja, das ist übersichtlich. Meine Basis-Ausbildung habe ich bei Hella Ebel in Osnabrück erhalten. Sie hat nach meinem Eindruck ein solides Fundament gelegt, langsam und sehr sorgfältig Bild für Bild der Form hinzugefügt. Natürlich wollten wir damals auch ganz schnell etwas „Können“ und haben zwischendurch gemurrt. Aber das nutzte nichts und dafür bin ich heute dankbar. Für die Kurzform brauchten wir etwa 4 Jahre. Wertvoll war im Rückblick auch, dass die eh schon verwirrende Anfangszeit ohne zusätzliche (Fremd-)Sprachbarrieren war.

Gemeinsam sind wir Schülerinnen von Wee Kee Jin, mein aktueller Lehrer. Dass Jin meiner Meinung nach sehr gutes Taijiquan praktiziert, versteht sich. Wie ich darauf komme? Nun, wenn wir zusammen freies Push-Hands machen, gibt es nicht eine Millisekunde, in der ich mich schlecht oder unangenehm behandelt fühlte. Im Gegenteil. Ohne den Hauch einer Chance „verliere“ ich ein ums andere Mal und bin anschließend heiter und glücklich. Taijiquan ist es für mich nur, wenn beide danach lächeln.

Jins Unterricht ist absolut klar und strukturiert. Wir dürfen an seinem Körper fühlen, welche inneren Vorgänge zu einer Bewegung gehören. Wir sollen ihm Fragen stellen. Wir sollen selbst denken und nicht „gläubig“ sein. Fortgeschrittene Schüler werden von ihm aufgefordert, sich auch andere Lehrer/innen mal anzusehen. Sie sollen ihr „eigenes“ Taiji entwickeln, keine Kopie werden. Das sind Rahmenbedingungen, in denen ich mich wohl fühle. Das „sich wohl fühlen“ ist mir wichtig. Wie sonst könnte ich entspannen?

Auch wenn es seltsam erscheinen mag, sage ich immer, viele Erkenntnisse stammen von meinen Laufenten im Garten, denen ich täglich zugeschaut habe.

Mit ihrer aufrechten Haltung sind sie weitgehend flugunfähig und damit stets gefährdet, Opfer anderer Tiere zu werden. Also „schwach und hilflos“ aus unserer Sicht. Entsprechend besorgt habe ich anfangs das Treiben der Nachbarskatzen beäugt. Die Laufenten kompensieren ihre „Schwäche“ aber durch extrem hohe Aufmerksamkeit für die Umgebung, überraschende Raffinesse und exzellentes Timing. Elemente, die ich im Taijiquan für mich umzusetzen lerne.

Das finde ich auch faszinierend, wieviel ich über Beobachtung lernen kann. Ich habe zwar keine Laufenten, aber ich sehe meinen beiden kleinen Kindern oft zu und entdecke (wieder) natürliche Bewegungen.

Du hast vorhin erwähnt, dass Du Dich mit den klassischen Schriften beschäftigst. Welche Bücher nimmst Du immer wieder gerne zur Hand?

Ich greife für die Klassischen Schriften auf Wee Kee-Jins Bücher (Taijiquan Wuwei: A Natural Process sowie Wee Kee Jin: „True To The Art“) zurück, das erste ist eher „technisch“, das zweite mit mehr Anekdoten angereichert. Es gibt leider viele Taiji-Bücher, die sich nur auf die Technik beschränken. Die finde ich ungefähr so anregend wie Aufbauanleitungen von schwedischen Möbelhäusern.

Persönliche Geschichten inspirieren mich viel mehr. Am meisten Spaß hatte ich mit Steal My Art – The Life and Times of T’ai Chi Master T. T. Liang von Stuart Alve Olson (leider nur auf Englisch zu bekommen). Den alten Herrn Liang hätte ich wirklich gerne kennengelernt, auch auf die Gefahr ein Opfer seiner Streiche zu werden.

Oh, das Buch lese ich gerade und kann es auch sehr empfehlen! Ich finde es schön, dass Taijiquan mit so viel Humor verbunden wird und eben nicht nur stumpfe, „seriöse“ Theorie.

Oder Alan Watts, dessen Humor mir ebenfalls behagt. Aber auch die Bücher von Wolfe Lowenthal über seine Zeit mit Cheng Man Ching gefallen mir. An ihnen ist gut zu erkennen, dass Taijiquan nicht auf die Zeit im Training beschränkt sein sollte, sondern rund um die Uhr die Lebensweise prägt.

Vielen Dank liebe Katrin für dieses schöne Interview!

Übrigens: als ich Katrin gefragt habe, ob sie meine Fragen beantworten möchte, da meinte sie, dass ich die Fragen doch auch mal beantworten könnte. Deshalb findet ihr das Interview mit MIR bei Katrin (hier)!

Und falls Du noch mehr über die Top 10 Blogs über Taijiquan erfahren möchtest, es gibt schon Interviews mit Matrin Bödicker von der Tai Chi-Ecke und Jörg Roth von der Tai Chi Akademie Kaiserslautern.

Lass Dein Qi fließen!

Angelika

 

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