Es geht nicht darum, JETZT ALLES RICHTIG zu machen

Ein Grund, warum viele nicht zuhause Taijiquan und Qi Gong üben, ist dieser: “Aber ich kann doch die Übung oder die Form noch gar nicht richtig!”

Nun ja, die Sache ist die: Niemand kann Qi Gong oder Taijiquan perfekt richtig. Du nicht, Dein Lehrer nicht, die Lehrerin Deines Lehrers nicht, der Meister der Lehrerin Deines Lehrers kann die Form auch nicht PERFEKT. Stell Dir vor: es kann wirklich niemand auf dieser Welt absolut perfekt Taijiquan oder Qi Gong!

Ich bin davon überzeugt, dass jedeR noch dazulernen kann. Nur wer noch lernen kann, kann auch wachsen. Selbst der meisterlichste Meister kann doch noch lernen und wachsen!

Lernen und wachsen hört nie auf. Egal, wie lange Du schon Taijiquan und Qi Gong machst, Du kannst immer weiter lernen und wachsen. Ist das nicht sehr beruhigend? Du wirst immer mehr dazulernen. Also übe was Du jetzt verstanden hast und übe das, wo Du Dir noch nicht sicher bist. Entdecke die Bewegungen.

Beim Taijiquan und Qi Gong geht es nicht nur darum, den Körper zu entspannen und gut zu bewegen. Entspanne Deinen Geist, indem Du nicht nach Perfektion strebst, sondern einfach übst!

Ich habe letztens dazu eine schöne Erzählung entdeckt.

Die Geschichte handelt von einem eifrig Meditierendem. Nachdem er sich jahrelang auf ein ganz bestimmtes Mantra konzentriert hatte, hatte er genug Erkenntnis erlangt, um zu unterrichten. Seine Demut war noch nicht so ausgeprägt, aber die Lehrer des Klosters fanden das unbedenklich.

Nach einigen Jahren erfolgreichen Unterrichtens dachte der Meditierende, er müsste nicht mehr von anderen lernen. Als er aber von einem berühmten Eremit hörte, der nicht weit entfernt wohnte, wollte er die Gelegenheit nutzen, ihn zu besuchen.

Der Eremit lebte allein auf einer Insel inmitten eines Sees. Also warb der Meditierende einen Mann mit Boot an, der ihn hinüberfahren sollte.

Der Meditierende begegnete dem Eremit mit großem Respekt. Während sie zusammen einen Tee trenken fragte der der Meditierende den Eremiten nach seiner spirituellen Praxis. Der alte Mann sagte, er hätte keine spirituelle Praxis, außer einem Mantra, das er die ganze Zeit für sich wiederhole. Der Meditierende war erfreut zu hören, dass der Eremit dasselbe Mantra sprach wie er selbst. Aber als er den Eremit das Mantra laut sprechen hörte, war er entsetzt!

“Was ist falsch”, fragte der Eremit.

“Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich befürchte, Sie haben Ihr ganzes Leben vergeudet! Sie sprechen das Mantra nicht richtig aus!”

“Oh, das ist ja furchtbar. Wie sollte ich es denn sagen?”

Der Meditierende erklärte dem Eremiten die korrekte Aussprache und der Alte war dafür sehr dankbar. Er bat darum, sich nun allein dem korrekten Mantra widmen zu dürfen.

Auf der Fahrt zurück zum Ufer sprach der Meditierende, der sich nun als Lehrer bestätigt sah, über das traurige Schicksal des Eremiten. “Es ist so ein Glück, dass ich ihn besucht habe. Wenigstens wird er nun Zeit haben, das Mantra korrekt zu üben, bevor er stirbt.”

In dem Moment sah der Meditierende den schockierten Blick des Bootsführers und drehte sich um. Der Eremit stand respektvoll neben dem Boot auf dem Wasser.

“Entschuldigen Sie bitte, ich möchte Sie nicht weiter belästigen. Aber ich habe die korrekte Aussprache schon wieder vergessen. Könnten Sie sie bitte für mich wiederholen?”

“Sie benötigen es offentlich nicht”, stammelte der Meditierende, aber der alte Mann bestand, bis der Meditierende es nochmals aussprach. Der Eremit wiederholte das Mantra sehr vorsichtig und langsam, wieder und wieder, als er über das Wasser zurück zur Insel ging.

Diese Geschichte erklärt doch sehr schön, dass es gar nicht so wichtig ist, JETZT ALLES RICHTIG zu machen. Sondern es geht vielmehr darum zu üben. ÜBEN ÜBEN ÜBEN.

Lass Dein Qi fließen!

Angelika